Gratismentalität

Ich hatte kürzlich von einem Buchhändler aus der Region eine Anfrage, seine Veranstaltungen auf unserem Portal zu bewerben. Die Werbung „muss jedoch in jedem Fall kostenlos sein“ bzw. darf die Nutzung des Portals „auch wirklich nichts kosten“

Anfragen dieser Art erhalte ich immer mal wieder. Interessant: Die Höhe des Entgelts spielt für den angefragten Leistungsumfang oder die erwartete Werbeleistung stets keine Rolle. Das Interesse ist bei den Interessenten an den Angeboten immer sehr stark vorhanden.

Wenn ich persönlich interessiert den Beweggrund für diese konsequente Einstellung nachfrage, höre ich fast ausschließlich “na, ich bekomme doch auch selbst alles kostenlos im Netz”. “das Internet ist doch umsonst“.
Ich kann die Erwartungshaltung des Interessenten nachempfinden.

Man mag mich nicht falsch verstehen: Ich bin ein ausgesprochener Freund des Werkzeugs Gratisangebot. Das Internet ermöglicht mit seiner digitalen Infrastruktur hierfür mehr als hervorragende Marketing- und Distributionsmöglichkeiten auch durch die radikal gesunkenen Transaktionskosten. Leseproben, selektive Musikauskopplungen aus Neuerscheinungen für registrierte Fans, Software-give aways etc. pp. Häppchen, pure Appetizer für Umsatz. Freie Inhalte sind aber auch maßgeblich für ein breites und vielschichtiges Informationsangebot im Netz.

Wenn sich eine Gratiskultur in eine Mentalität wie in obigem Beispiel, noch zudem im stattfindenden Medienstrukturwandel von Nutzerseiten zu Entscheiderebene festigt, mache ich mir Sorgen. Um das Geschäft dieses Bucheinzelhändlers.

Ich sehe tagtäglich den Paketdienst vor unserem Haus mit Warenpost von bekannten Internetbuchhändlern. Ich lebe in einem großen Haus.
Ein örtlicher Bucheinzelhändler kann mit der Bewerbung seiner lokalen Angebote wie z.B. Signierstunden, Lesungen etc. als Vorteile gegenüber seinen Mitbewerbern von Internetbuchhändlern PUNKTEN. Meiner festen Überzeugung nach muss er es sogar, denn seine Kunden sind im Netz.

Einzig scheitert es jedoch kategorisch an der Kostenpflicht unseres Portals für den Interessenten. Obwohl er auch gleichfalls signifikant Kosten senken und dadurch wettbewerbsfähiger bleiben würde.

Für mich stellt die (wahrscheinlich) von Nutzerseite ins Unternehmen mitgenommene Gratismenatlität eine hochinteressante Tatsache dar. Betriebeswirtschaftliche Betrachtungswinkel werden komplett ausblendet. Nur umsonst ist gut? Erst diese Gratiserwartung kostet. Nämlich ihm selbst das meiste: Neue Kunden, Umsatz und Gewinn.

Ich fürchte, der Paketdienst mit Lieferungen von Internetversandbuchhändlern wird zukünftig noch sehr viel öfters durch unsere Straßen fahren.
Unsere Werbeleistung kostet übrigens 20 Cent inkl. MwSt für eine Veranstaltungswerbung. Auf einem der meist genutzten Internetportale seiner Art in der Metropolregion Nürnberg.

Wer hat sich schon einmal dabei ertappt, wie er eine persönliche Gratiserwartungshaltung in geschäftliche Entscheidungsprozesse mitgenommen hat? Ich sehe das als wirklich sehr ernstes Problem in dem Themenfeld. Man sägt sprichwörtlich den eigenen Arbeitsplatzast…

update 22.5.2013: Das Buchgeschäft hat zwischenzeitlich geschlossen.

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